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The Amazing Spider-Man Rezension

Samstagabend, 20:30 Uhr im Cinemaxx Krefeld. Nachdem ich eine halbe Stunde fröhlichen Stumpfsinns in Form von Werbung und dem neuen Format „Mehr als Kino“ mit Steven Gätjen über mich ergehen lassen musste ging der Film dann auch endlich los. Und so viel sei vorab gesagt: Er hat mich für die Qualen in Gätjens Filmkaschemme entschädigt.

Inhalt:

Peter Parker ist der typische Loser. Kommt bei der Damenwelt nicht an, wird vom Schulrüpel Flash Thompson mehr als eindeutig gemobbt und seine Eltern haben ihn früh verlassen, so dass er nun bei seinem Onkel Ben und seiner Tante May lebt. Er hat kein schlechtes Leben, ist ein wissenschaftliches Genie und verdient nebenbei ein wenig Geld als Hobbyfotograf. Als er jedoch die alte Aktentasche seines Vaters im Keller findet, stößt er auf einige Fakten, die ihn letztlich zu dessen Forschunspartner Dr. Curtis Connors führen, welcher bei der Firma Oscorp an artenübergreifender Genetik arbeitet, um Gliedmaßen nachwachsen zu lassen. Bei einer Führung durch den Komplex verlässt Peter die Gruppe und wird von einer sonderbaren Spinne gebissen. Fortan entwickelt er erstaunliche Fähigkeiten, die er nach dem Tod seines Onkels durch einen Verbrecher zur Bekämpfung selbiger einsetzt. Spider-Man ist geboren und schon bald bekommt er es mit weit mehr zu tun, als ein paar Hinterhofgangstern. Eine neue Spezies ist in der Stadt und nur der freundliche Wandkrabbler aus der Nachbarschaft kann sie aufhalten. Schließlich folgt aus großer Kraft auch große Verantwortung…

Kritik:

Wie groß waren die Entrüstungsstürme von Millionen von Fans, nachdem Sam Raimi bekanntgab, dass Spider-Man 4 für ihn gestorben sei. Fortan wollten auch Tobey „Spider-Man“ Maguire und Kirsten „M.J. Watson“ Dunst nichts mehr von dem Projekt wissen. Damit jedoch die Rechte nicht zurück an Marvel fallen, war Columbia Pictures gezwungen, einen Film aus dem Franchise in die Kinos zu bringen. Und so wurde mit Marc Webb ein neuer, vom Namen her durchaus passender, Regisseur gefunden, der die ganze Geschichte rebooten sollte. Im Zuge des qualitativen Debakels bei Spider-Man 3, der überladen und einfach zu viel war, und im Nachklang des großen Hypes um Christopher Nolans The Dark Knight sollte der neue Spidey vor allem ernsthafter und düsterer werden. Ähnlich wie die Saga um den dunklen Ritter sollte The Amazing Spider-Man, so der Titel des neuen Films, die Abgründe der Figur ausloten und ihr mehr Tiefe geben. Zugleich war das Projekt jedoch auch um mehr Realismus bemüht und dementsprechend ist die Origin-Story um die Spinne auch angelegt. Artübergreifende Genetik also, wodurch letztlich auch Echse und Spinne aus dem gleichen Fundus stammen, obgleich der Wandkrabbler nach wie vor seine Fähigkeiten per Zufall erhält, während die Echse eher einem letztlich missglückten Laborexperiment gleicht.

Figuren:

Doch ob nun so oder so entstanden, beide machen eine tolle Figur. Und hier setzen wir auch an, bei den Figuren. Andrew Garfield war im Vorfeld eine sehr umstrittene Besetzung. Zu groß die Angst vieler Fans, dass der Film zu sehr auf die „Generation Twilight“ zugeschnitten sein könnte. Hier kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Auch wenn Garfield weißgott keine schauspielerische Offenbarung oder gar ein richtiger Außenseiter ist, spielt er doch seinen Peter Parker mit dem nötigen Ernst und angemessener Präsenz. Und obgleich er dabei leider ständig eine Art „Daniel Radcliffe Gedächtnis-Lächeln“ spazieren trägt, weiß er doch wenn es darauf ankommt zu überzeugen. Wenn ihm die Tränen kommen, dann wirkt das glaubwürdig, wenn er als Spider-Man herumalbert ebenso. Von daher ist hier der Job erfüllt worden. Doch insbesondere im Kostüm macht er eine noch viel bessere Figur. Die schlaksige, dadurch weit spinnenartigere und doch athletische Figur Garfields passt einfach enorm gut zu Spidey, der dadurch auch wesentlich agiler wirkt. Dazu jedoch später mehr.

Rhys Ifans in der Rolle des Dr. Curtis Connors ist der Antagonist und als solcher natürlich ebenfalls gefordert. Er spielt seinen Part mit viel Leidenschaft und macht in seiner Darstellung eine Menge Spaß. Eine leicht bedrohliche Atmosphäre umgibt ihn bereits vor seiner Verwandlung in die Echse und macht ihn undurchsichtig für den Zuschauer. Dabei wird er jedoch nie bösartig oder grundlegend schlecht dargestellt. Bis zum Ende ist er eher Opfer der Umstände, die ihn in das Monster verwandeln. Als perfekter Konterpart zu Spider-Man, mit ähnlicher Entstehung, doch letztlich dem Entscheid zu dunklen Seite, spielt die Echse als Spiegelbild zu Spider-Man eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des jungen Helden. In ihm erkennt sich Peter wieder und kommentiert seine Mission ihn zu stoppen letztlich damit, dass er ihn geschaffen habe. Und eben diese Frage ist es doch auch, die Batman oft zugrunde lag. Gäbe es die Superschurken auch, wenn es den Helden nicht gäbe. Dieser fast philosophische Ansatz in der Idee des Superhelden an sich lädt zum Nachdenken ein, auch wenn er hier natürlich ganz pragmatisch zu klären ist, da es Peters Ideen zu Connors Formel waren, die das Echsen-Serum erst möglich machten. Trotzdem liegt der Gedanke legitimerweise jedem Selbstzweifel eines Helden zugrunde, da nur durch die Helden die Schurken überhaupt notwendig wurden, um dem Leser in der Realität Spannung zu bieten.

Gwen Stacy, gespielt von Emma Stone, übernimmt dieses Mal den Part des „love interest“ für Peter. Seine Freundin von der High School ist Praktikantin bei Connors und Tochter des Polizeichefs Captain George Stacy, verkörpert von Denis Leary. Durch die insbesondere später eher prekäre Lage, in der sich Peter befindet, ist die Beziehung alles andere als einfach. Seine Freundin und Vertraute Gwen als Tochter seines ärgsten Widersachers bei den Behörden, der ihn als gesetzlosen Vigilanten darstellt und jagen lässt, sobald er sein rot-blaues Body-Suit anlegt. Doch vom ihm lernt Spidey letztlich ein Maß an Verantwortung, welches er zuvor auf seinem Rachefeldzug für seinen Onkel Ben nicht entwickeln konnte. Das gibt tolle Charakter-Momente für die Figur Peter Parker und weiß absolut zu gefallen. Dadurch gewinnt er an Profil und man kann sich besser in ihn hineinfühlen. Emma Stone macht ihre Sache gut und hat einige sehr gute Szenen, insgesamt bleibt sie jedoch eher ein Eye Candy mit ihrer unglaublich reizenden und niedlichen Art. Leary als ihr Vater ist ebenfalls sehr präsent und bei seinen Auftritten steht er niemals hinter den anderen Figuren zurück, tolle Leistung.

Ein wenig im Hintergrund bleiben insbesondere Martin Sheen als Onkel Ben und Sally Field als May Parker. Die beiden haben keine so tragende Rolle, spielen letztlich vor allem für die Charakterbildung des jungen Peter eine Rolle und können sich nur wenig Profil erspielen. Auch wenn Martin Sheen insbesondere durch seine prägenden Worte gegenüber Peter einen tollen Glanzmoment hat, bleiben beide unangenehm blass. Auch der motivationale Aspekt Spider-Mans, den Tod seines Onkels zu rächen wird durch die regelrecht abhakende Art, wie die Tat geschieht, wenig deutlich. Es kommt einem fast vor, als wäre zwischen der Origin-Story und dem ersten wirkliche Widersacher diese Initialzündung dessen, was Spidey immer ausgemacht hat, irgendwie vergessen worden. Das ärgert insbesondere als Fan, wenn man weiß wie prägend dieser Moment in Peter Parkers Leben war und kostet den Film doch an dieser Stelle ein wenig von seiner ansonsten sehr guten Geschlossenheit.

Effekte und Kämpfe:

Bei den Effekten gibt es hingegen überhaupt nichts zu meckern. Wenn Spider-Man durch die Häuserschluchten schwingt, ist das einfach nur beeindruckend. Atemberaubende Bewegungsabläufe, wahnwitzige Agilität und eine Schnelligkeit die ihresgleichen sucht, machen den neuen Spidey aus. Im Gegensatz zum Raimis Spinne bekommt Webbs Wandkrabbler eine ansprechende Sequenz spendiert, in der er seine Fähigkeiten ausbildet und schult. Mit einer leichten Referenz auf die Lagerhallen-Szene aus Footlose beeindruckt Peters Solo-Trainings-Einlage enorm. Wenn er mit Skateboard und unter Einsatz all seiner Fähigkeiten in einem verlassenen Hafengebäude trainiert, dann macht das schon ordentlich was her. So kauft man ihm dann in seinen Kämpfen die spektakulären Bewegungsabläufe auch durchaus ab.

Bei den Kämpfen ist ohnehin sehr viel mehr Bewegung drin als noch bei Raimi. Seine Kämpfe hatten ebenfalls Dynamik, ohne Zweifel, aber diese beeindruckende Agilität und Bewegungspalette hat er nicht einmal im dahingehend tollen dritten Film erreicht. Hier springt, klettert, netzt, schwingt, kriecht und schlägt Spidey mit einer so unglaublichen Frequenz, dass einem beinahe die Augen rausfallen. Das alles ist klasse umgesetzt und wirkt zugleich angenehm von Regieseite ausgefeilt wie auch stets dem Kampf entsprechend von Spidey improvisiert. Diese Verbindung zwischen dem natürlichen Aussehen und der peniblen Choreografie ist absolut klasse und steht den von Joss Whedon für The Avengers erdachten Kämpfen in nichts nach. Dabei gelingt es sogar immer wieder die grenzwertigen Sprüche Spideys einzuflechten, die seine Comicauftritte so auszeichnen.

Überhaupt wurde sich in vielen Belangen sehr an den Comics orientiert. Etliche Sequenzen und Szenen könnten direkt aus einem Comic stammen. Die Optik ist farbenfroh und an angemessenen Stellen auch durchaus düster. Aber insgesamt wirkt sie wunderbar Comicartig. Vor allem wenn Spidey durch die Straßenzüge schwingt und mitunter das Bild auf die Egoperspektive umspringt, wird man regelrecht ins Geschehen gezogen. Dabei hilft auch ein gut platzierter und nicht überladener 3D-Effekt, der tatsächlich seinen Teil zum Film beiträgt. Wo er keinen Effekt hätte, etwa bei einer normalen Unterhaltung zwischen zwei Figuren, kann man bequem die Brille absetzen, da lässt Webb ihn weg. Wenn es jedoch an die dynamischen Kämpfe geht, wird er geschickt eingesetzt, jedoch nie so, dass man den Überblick verliert. Dafür gibt’s ordentlich Pluspunkte im 3D-Überladenen Niemandsland dieser Tage. Hier ist der Effekt tatsächlich ein Gewinn für die entsprechenden Szenen.

Ins Reich der Effekte gehört natürlich noch die Verwandlung und Darstellung der Echse. Hier wurde alles richtig gemacht. Die nötige Balance zwischen der Comic-Echse in ihrer klassischen Form und der eher realistisch angelegten Film-Echse wurde gefunden und die Bestie in Bewegung ist wunderbar animiert. Auch in Nahaufnahmen überzeugt das Gezeigte absolut und ist absolut konkurrenzfähig mit den tollen CGI-Schöpfungen der letzten Jahre wie Cesar und dem Hulk. Herrlich auch die klassische Comic-Referenz, wenn die Echse im Laborkittel auftaucht und nun wirklich nach der ganz klassischen Echse aus dem ersten Comic-Auftritt von 1963 aussieht. Für Fans ein toller Tribut, ebenso wie der obligatorische Cameo von Stan Lee, der hier zum größten Lacher des Films wird. Ein Original eben.

Der Score aus der Feder James Horners tut seinen Dienst und überzeugt die meiste Zeit völlig. Insbesondere in den Kämpfen ist er treibend und aufreibend wie er sein sollte. Auch in ruhigeren Szenen können die Töne überzeugen, auch wenn der Score nicht mehr ganz diesen beeindruckenden Ohrwurm-Faktor von Danny Elfmans Score für die Raimi-Filme erreicht. Mitunter sind die Stücke wirklich klasse und zum Ende hin beeindruckt die Klangkulisse absolut, trotzdem bleibt Elfman im Rennen um den stärksten Score Sieger mit minimalem Vorsprung.

Schwächen:

Bereits erwähnt habe ich die Schwäche der Initialzündung durch Onkel Bens Tod, welcher Spider-Man erst die wahrhaftige Motivation gibt, die ihn zur Verbrechensbekämpfung bringt. Das wurde hier eben eher vernachlässigt.

Ebenfalls eher stiefmütterlich behandelt wird die viel angepriesene Einbindung von Peters Eltern Richard und Mary Parker. Zu Beginn kurz mysteriös eingeführt und als Handlungstriebfeder kurz genutzt wird danach das Geheimnis um Peters Vater in den Hintergrund gestellt, wodurch das Auftreten von Peters Eltern etwas unmotiviert wirkt. In der Hoffnung, dass dieser Handlungsstrang in einem sicherlich folgenden zweiten Teil aufgegriffen und stärker ausgearbeitet wird, lässt sich das jedoch einigermaßen verschmerzen.

Ansonsten drängt sich lediglich die Frage auf, warum der doch beileibe nicht unattraktive Andrew Garfield in der Schule dermaßen gehänselt wird. Zudem drängt sich die Frage auf, warum er bereits kurz nach Beginn seine Kontaktlinsen gegen die nicht unbedingt Image-Zuträgliche Brille seiner Vaters tauscht. Nostalgie in allen Ehren, diese platte Einführung des klassischen Peter Parker Looks ist leider eher unfreiwillig komisch und leicht unlogisch.

Fazit:

The Amazing Spider-Man ist der Spidey geworden, den man sich als Fan gewünscht hat. Unglaublich agil und schnell präsentiert sich der beliebte Wandkrabbler hier und setzt wirklich alle seine unglaublichen Fähigkeiten zur genüge ein. Insbesondere der vermehrte Netzeinsatz innerhalb der Kämpfe zeigt, dass sich die Choreographen Gedanken um die Fähigkeiten ihrer Superwesen gemacht haben. Auch der Lizard nutzt zum Beispiel seinen Geruchssinn, selbstredend über die Zunge, es ist schließlich ein Reptil, als er etwas sucht. Solche absolut passenden Einsätze der Fähigkeiten erfreuen einfach, weil sie durchdacht und comicnah sind. Die Effekte sind absolut auf dem neuesten Stand, 3D wird dezent und nur in angemessenen Sequenzen eingesetzt, wo es auch Sinn macht. Darstellerisch ist der Film gut bis sehr gut einzuordnen, alle Figuren werden gut mit Leben gefüllt und insbesondere Garfield kann als der bessere Parker und vor allem der deutlich bessere Spidey überzeugen. Und ich muss dazu erwähnen, dass ich großer Fand der Raimi-Filme war und bin und auch Tobey Maguire immer als perfekten Peter Parker sah. Aber diese moderne Interpretation Peter Parkers weg vom Bücherwurm hin zum Außenseiter durch Unangepasstheit ist genau der richtige Ton für einen heutigen Spidey.

Gemessen an der Raimi-Trilogie und im Hinblick auf andere Comicverfilmungen der letzten Jahre bekommt The Amazing Spider-Man von mir

9/10 Spinnen,

weil er einfach unglaublich vieles richtig macht, insbesondere in den Bereichen Comic-Verständnis und Figurenzeichnung. Auch die Dynamik des Films und seine Effekte sind genial. Alles in allem ein absolut gelungener Reboot, der den anderen Filmen in nichts nachsteht und doch ganz eigene Wege geht. Von mir als Spidey-Fan in den bereichen Comics UND Film gibt es jedenfalls eine dicke Empfehlung für DIE Comic-Überraschung des Jahres, der qualitativ dem übergroßen The Avengers in Nichts nachsteht.

Noch ein Tipp zum Abschluss: Die ersten 2 Minuten Abspann sollte man sich geben und sitzen bleiben, es gibt eine kurze Szene nach den Credits zu sehen, der Inhalt soll hier unerwähnt bleiben.

7.7.12 17:05

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