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Burning Bridges - Bon Jovi

Burning Bridges, ein Statement dass nicht klarer gewählt sein könnte, auch wenn es sich bei dem Album nach Aussage Jons um ein "Fan-Album" handeln soll, was immer das nun auch meinen soll. Trotzdem stehen diese zwei Worte für so viel mehr im Kontext der Band. Der Weggang Richie Samboras nach 30 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte, den damit einhergehenden Verlust eines langjährigen Co-Writers endloser Reihen von Smash-Hits und Klassikern des poppig angehauchten Rock.


An zweiter Stelle steht die Aussage für den Weggang vom langjährigen Plattenlabel und für einen Schritt Richtung kompletter Neuanfang, soweit das nach so vielen Jahren Bandgeschichte überhaupt noch drin ist. Oder die Fans das überhaupt mitmachen.


Dieses Album sollte auf der einen Seite begleitend zur Welttournee nochmal für die Fans die Wartezeit zum "richtigen" neuen Album anfang 2016 verkürzen und zugleich ein kleines Geschenk für jahrelange Treue darstellen. Ob man dieses Geschenk als Fan überhaupt will, was für einen Ton das Album anschlägt und wo seine Stärken und Schwächen liegen werde ich im folgenden mal ein wenig erörtern, nachdem ich es jetzt ein paar Tage in Dauerrotation gehört und für mich entdeckt habe.


Und die Stimmung wird gleich zu Beginn mit dem Opener "Teardrops to the sea" sehr ruhig, beklemmend, düster und depressiver als jemals in der Bandgeschichte angedeutet. Ein Song über das Ende und ob und was danach kommt. Ein Song zum Thema Verlust, aber auch ein Song über das Bereuen, die Einsamkeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein bedrückendes Statement darüber wie Schmerzhaft allein man sich trotz all der Berühmtheit fühlen kann und darüber wie niemand einem letztlich eine Träne nachweint wenn man doch für sich alleine stirbt. Begleitet von herzzereißenden Gitarrenklängen, die wie Laute der Trauer in die Ohren gehen. Textlich ein unheimlich starker Opener und weit weg vom klassischen Gute-Laune-Rock der letzten Jahre. Ernsthaft, gefasst und düster, aber wenn man sich reingehört hat unglaublich stark. 8/10


Weiter gehts mit der Singlefraktion um "We don´t run" und "Saturday Night gave me Sunday Morning". We don´t run zeigt sich dabei direkt thematisch einerseits sehr verwandt mit den klassischen "Stand your Ground"-Hymnen der Band und man hört quasi seine Bestimmung in großen Stadien gespielt zu werden. Andersrum ist der Song ungewohnt treibend und was die Lyrics angeht fast schon zornig und agressiv. "i´m not afraid of burning bridges" sing Jon und zeigt mit einer Inbrunst, dass es weitergehen wird und soll mit der Band. Dass die Zukunft in den eigenen Händen liegt. Klasse instrumentiert, mit einem schönen Solo versehen und mit viel Ohrwurmcharakter. Ein sehr starker Song und moderner Rocker 9/10


Saturday Night gave me Sunday Morning ist dann die klassische Radiohymne. Strophe, Refrain, Strophe, Break, Refrain. Ein Song wie ihn Bon Jovi schon etliche Male geschrieben haben, der sofort zündet, bei dem man direkt weiß wo man ist und bei dem man sich als Fan direkt heimisch fühlt. Lyrisch erstmals optimistisch und positiv. Ein Song darüber dass man nie weiß was der nächste Morgen bringen kann, aber zugleich weiterhin dem Thema "Vergangenheit hinter sich lassen" verpflichtet. Morgen kommt was gutes auf uns zu sagt der Song, die Zukunft kann sich lohnen und ist erstrebenswert. Toller Song, Wohlfühlgänsehaut, Sing-Along-Charakter - echte Radiosingle. 9/10


Mit "We all fall down" bewegt sich die Band dann auf altbekanntem "Halt durch, wird schon wieder"-Terrain. Lyrisch nichts neues, ruhig und gelassen instrumentiert, ein Song der das Tempo wieder drosselt. Thematisch sicherlich erneut in das Vergangenheit-Zukunft-Thema das Albums passend, wird mit mehreren Durchläufen auch stärker, kommt aber nie wirklich über den Filler-Status hinaus und kann nur im letzten Drittel etwas mitreißen, wenn er aus dem Trott des Anfangs rauskommt. Dann kommt er mit einem schönen Solo zumindest noch etwas in Fahrt. Gefällig ohne spektakulär zu sein. 6/10


Das nächste wirkliche Highlight versteckt sich hinter "Blind Love". Ein Song der sich zunächst wie eine klassische Bon Jovi-Ballade anlässt nur um lyrisch dann doch irgendwie eine ganz andere Idee zu verkaufen. Es geht letztlich nicht einfach um die Liebe einer Person zur anderen, sondern um Vertrauen. Blindes Vertrauen auf denn anderen im Angesicht des düsteren Alltags. Aber auch Vertrauen darauf, dass die Menschen die wir vermissen weiter da sind und wir ihnen ebenso fehlen. Hoffnungsvoll aber gleichzeitig traurig und wirklich schön instrumentiert durch das Piano von David Bryan. Eingängiger Song, geht unter die Haut und zeigt songwriterische Qualitäten. 9/10


Im Anschluss geht es weiter um das Thema Liebe, aber dieses Mal nicht die gewohnt romantische Form mit "Who would you die for". Der Song lässt sich schon extrem ungewohnt an mit elektronischen Samples im Hintergrund. Die Stimmung ist von Beginn an bedrückend, sehr düster und bedrohlich. Inhaltlich geht es um Besessenheit eher als um Liebe. Darum wie man eine Person komsumieren will, weil man so extrem von ihr besessen ist. Für Bon Jovi-Verhältnisse ungewohnt harte Gitarren und die dauerhaft bedrohliche Stimmung lassen den Song herausstechen. Das böse Spiegelbild des typischen Liebeslieds - sehr gegen den Strich und grade dadurch faszienierend und ungewohnt. Aber durch die starke Instrumentierung und die genialen Lyrics eines DER Highlights des Albums. 10/10


Weiter geht es dann mit dem ersten "echten" Countrysong des Albums. Countryeinflüsse haben Bon Jovi über die letzten Jahre ja mehrfach beeinflusst und hier sind sie sehr stark zu spüren. "Fingerprints" schließt sich Thematisch an seinen Vorgänger auf dem Album an. Der Nachklang dieser Besessenheit, die Idee seinen Fingerprints (Fingerabdrücke) seiner vergangenen Liebe geschenkt zu haben. In diesem Fall stellvertretend für das was einen Ausmacht, seine Identität. Der Gedanke sich gänzlich für eine Beziehung aufzugeben und danach einfach nie mehr der Gleiche zu sein, einen Teil seiner Einzigartigkeit aufgegeben zu haben. Ebenfalls ruhig instrumentiert, fast beschwingt, tolle Strophen, wundervoller Refrain und ein erneut sehr geniale Soli, dass die Stimmung klasse trägt. Trauriger Text, erneut Vergangenheit als Thema, ein Song der unter die Haut geht und mit jedem Hören besser wird. 10/10


"Life is Beautiful" als direkter Nachfolger ist dann wieder ein Schritt Richtung Hoffnung und weg von der düsteren und fast depressiven Stimmung der letzten Songs und klingt auch wieder typischer nach den gewohnten Bon Jovi. Ebenfalls sehr Countrylastig ist es ein Song darüber die Dinge zu schätzen die man hat und das beste aus dem Leben zu machen. Entgegen der Hindernisse und Probleme die man im Leben haben mag kann man trotzdem sehen, dass das Leben lebenswert und schön ist. Hoffnungvolle Botschaft ohne wirklich was ungemein besonderes zu sein, trotzdem ein sehr schöner Song mit Ohrwurmcharakter und potenzielle Single. 7/10


Als vorletzter Song findet sich mit "I´m your Man" noch mal ein treibender Rocker auf dem Album. Ebenfalls zwar mit dem gewohnten Radiocharakter, aber gleichzeitig sehr angenehm und leicht ironisch von den Lyrics her. Der Typ für alle Fälle, den man immer anrufen kann, der immer da ist, der auf Abruf steht. Ein Kerl der sich irgendwo für alle zum Affen macht, aber gleichzeitig völlig von sich selbst überzeugt ist. Schlägt thematisch etwas in die Kerbe von "Who would you die for" - musikalisch aber ist der Song einfach viel positiver und rockiger. Die andere Seite der Medaille, ein klasse Song der ins Ohr geht und zum mitschwingen anregt. Kein Meisterstück, aber sehr angenehm zu hören. 7/10


Der Abschluss des Albums ist dann letztlich der ungewöhnlichste Song und zugleich ein echter Country-Swinger. "Burning Bridges" ist gleichzeitig ein Sing-Along, ein Song zum Mitsingen, mitschunkeln, Spaß haben und auf Konzerten gemeinsam performen. Lyrisch aber ist es zeitgleich eine bissige Abrechnung mit dem alten Label, dass mit dem Album nochmal Reibach machen wollte. Jon beschreibt die Qualitäten im Song nochmal ganz gut und sagt klar "One last song you can sell" (Ein letzter Song zum verkaufen) und "play it for your friends in Hell" (spielt ihn für eure Freunde in der Hölle) - hier richtet er sich an die Plattenfirma - im Refrain gleichzeitig auch so. Andersrum ist es ein Geschenk an die Fans für die er den Song eigentlich geschrieben hat. Ein Song zum gemeinsam Spaß haben, gemeinsam auf dem Konzert singen, tanzen und mitgröhlen. Ein schöner Rausschmeißer der mit jeder Rotation besser wird und eins der kleineren, quasi geheimen Highlights des Albums ist. 8/10


Unterm Strich ist Burning Bridges ein sehr solides Album geworden, wenn man seinen Hintergrund bedenkt. Viele Songs gehen direkt ins Ohr, einige brauchen ein paar Durchläufe bis sie zünden und Totalausfälle gibt es keine. Die Highlights sind ganz klar die Songs der neuen Marschrichtung, die weg vom klassischen Bon Jovi gehen und einen neuen Weg bescrheiten. Überhaupt geht es viel darüber sich über Obsessionen hinwegzusetzen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen. Hier vielleicht auch synonym zur Einstellung etlicher "ewig gestriger" Fans zu sehen, die sich nicht von der Idee lösen könne, dass Bon Jovi am besten immer noch da wären wo sie in den 80/90ern waren. Aber die Band entwickelt sich, probiert neues, probiert sich in anderen Gefilden, erschließt sich musikalisch neue Gründe.


Sie "verbrennt Brücken" um dann neu und gestärkt in die Zukunft zu blicken. Das Leben ist schön, auch wenn nicht immer alles klappt, man sollte seine Identität nicht verlieren und -trotzdem versuchen voraus zu schauen. Themen des Albums die zugleich Spiegel des aktuellen Zustands der Band. Das Album ist ein Album für den Weg, noch nicht das Ziel. Das Ziel kommt im Frühjahr 2016 mit dem ersten Schritt ohne Sambora, dem ersten Schritt in die Zukunft der Band - Burning Bridges ist da nur die Titelgebende Brennende Brücke, die die Band nun hinter sich gelassen hat, und ein erster Blick in die ungewisse Zukunft. Zugleich aber wohl auch eine Mahnung an die Fans, dass sie sich nicht ewig gestern aufhalten sollten sondern eben mit der Zeit gehen sollten, wie auch die Band.


Und diese Botschaft, die musikalische Umsetzung und der Gedanke hinter dem Album gefällt mir, macht Sinn und lässt mich das Album als Übergang in eine neue Ära feiern. Als Fan bin ich immer mit der Zeit gegangen und konnte auch mit neuem Material immer viel anfangen, weil ich sehe wie die Band Neues Versucht. Zugleich bin ich skeptisch geblieben, mir gefiel Lost Highway z.B. nicht besonders. The Circle hingegen war eine Offenbarung, weil textlich enorm stark. Und Burning Bridges? Respekt für die Idee, viel respekt für die Umsetzung - ein Album das wächst je öfter man es hört, kein Album für jederman, erst recht keins für den Skeptiker der es nach dem ersten Durchlauf in die Ecke pfeffert - aber auf jeden Fall eins dass einen für seine Geduld belohnt. 7,5/10

22.8.15 12:06

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